Klage nach „Klagenfurt“: Kein Grund zu Klagen.

Wie leicht vorauszusehen hat der Autor dieses Blogs sein Wochenende dem „Grand Prix de la Chans…“ dem Bachmannpreis gewidmet. Die Sieger dürften den Lesern bereits aus Tagespresse, oder Fernsehen bekannt sein. Ebenso wie die diesjährige Klage des Feuilletons, dass es so wenig Grund zum Klagen gab. Dabei gehören Nörgeln und Nachtreten zum Klagenfurter Ritual wie 12 griechische Punkte für Zypern zum Eurovisions Contest. Mal sehen, ob ich da nicht was machen kann: Einige Bemerkungen zu den Sieger- und anderen Texten, ein Veriss und (das Beste zum Schluss) zur Jury.

[Titel sind zu denjeweiligen Bachmann-Seiten verlinkt.]

 

Lutz Seiler: Turksib. (Bachmannpreis)

Der Sieg von Lutz Seilers sauber gearbeiteten und sprachpräzisen Text „Turksib“ geht in Ordnung. Die Texte von PeterLicht und Thomas Stangl waren dennoch stärker. Bei Seiler stören mich drei Punkte: Der Text ist ein Auszug aus einem längeren Prosatext und das merkt man ihm auch an. Zumindest für mich funktioniert der Ausschnitt nicht richtig als Short Story und dass der Held am Ende die Übersetzerin vögelt, erscheint mir auch nicht unbedingt zwingend. Und wie beim (ja auch äußerst beliebten) Thema „Schriftsteller auf großer Fahrt“ so häufig, scheint mir auch hier die Gefahr zu bestehen, dass der Autor seinen Protagonisten nur deshalb auf die Reise schickt, um darzustellen, was für ein toller, weltgewandter Hecht der Autor doch ist. Nichtsdestotrotz: Ein sauberer Text, der durchaus Lust auf das vollständige Werk macht.

 

Thomas Stangl: (ohne Titel) – „Telekom Austriapreis“

Stangls absolut hermetischer, suggestiver Text, konsequent moderner Text hat mich wesentlich mehr begeistert als Seilers realistische Reiseerzählung. Die Modernität kann man ihm allerdings auch vorwerfen, denn er bleibt der Tradition, in der steht (Stichwort: „Nouveau Roman“), doch sehr stark verhaftet. Für die Einen ist es „Moderne“, für die Anderen (wie Jury-Mitglied Ernst Corino) ist es „unsinnlich“. Beim gegenwärtigen Trend zum gefälligen Realismus wird Stangl wohl trotz zweitem Platz beim Bachmannpreis nicht zum Bestsellerautor aufsteigen.

PeterLicht: „Meine Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends.“ (3sat-Preis und Publikumspreis)

(Für mich) Der beste Text: PeterLicht ist ein Virtuose der Kombination verschiedener Sprachebenen und erzielt durch die überraschende Variation weniger Prinzipien in seinem Text maximale Wirkung. Und Stichwort „Sonnendeck“: Lichts Text ist auch ungeheuer witzig. Dabei ist Lichts Komik literarisches Mittel, kein Selbstzweck. Weder macht sich Licht auf Kosten Dritter lustig, noch ist sein Werk satirisch. Seine Komik zielt auf die Stelle, wo es dem Leser/Zuschauer/-hörer weh tut. Sein Thema ist das in ständiger Gefahr der Beschädigung stehende Leben im Alltag der Spätmoderne.

Kürzer als an seinem Klagenfurt-Text lässt sich das an einer Szene aus seinem letzjährigen Konzert im Literarischen Salon der Uni Hannover illustrieren: Unter Zuhilfenahme seminargerecht verteilter Arbeitsblätter studierte Licht mit dem Publikum, das zum großen Teil aus Studierenden bestand, das Lied „Wir sind jung und wir machen uns Sorgen über unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt“ ein: „ […] das ist alles so ungerecht denn wir haben immer unsere Hausaufgaben gemacht und alle Vorraussetzungen erfüllt, uns sogar spezialisiert …“. Großes Dada.

Nach einem ähnlichen Prinzip funktionierte sein Klagenfurt-Text und war damit wesentlich originärer als alle anderen Texte.

Jan Böttcher: Freundwärts (Ernst-Willner-Preis)

Böttchers Text war ohne handwerkliche Fehler, aber für meinen Geschmack ein bisschen zu konstruiert und auch zu lahm. Immerhin: Wenn Westautoren originäre DDR-Erfahrung simulieren, liegt der literarische Totalverlust meist nicht fern. Eine Klippe, die Böttcher souverän umschiffte. (Ach ja: Auch Böttcher ist „Popmusiker“, aber die Hörproben auf der Website seiner Band „Herr Nillson“ erinnerten mich eher an Reinhardt Mey …)

Jochen Schmidt: Abschied aus einer Umlaufbahn

Knapp ohne Preis, aber mit viel Sympathie von den Juroren und noch mehr im montäglichen Feuilleton wurde Jochen Schmidts Erzählung eines Kosmonauten-Suizids aufgenommen. Der Sympathie und der Wertung des Textes als amüsant und „hochintelligent“ will ich mich gerne anschließen. Dass Schmidt zum Ende preislos blieb, scheint mir dennoch gerechtfertigt: Der Autor erklärt zuviel, der Text birgt kein Geheimnis. Der Bezug auf David Bowies „Space Odditiy“ ist offensichtlich und im direkten Vergleich schneidet Schmidt dann eben schlechter ab: Bowie gelingt es, in 5 Minuten 30 min mehr zu sagen als Schmidt mit 31.420 Zeichen. Und Textökonomie sollte auch ein literarisches Kriterium sein …

Jörg Albrecht: von Schläfe zu Schläfe [Phantombildschirm]

Mit großem Krawehl, Krawehl griff (der in Berlin wohnende, aber das ist wohl überflüssig zu erwähnen) Autor in die Mottenkiste vergangener Medien- und Popkulturavantgarden und performte eine multimediale Lesung im Stile der Beat-Generation, machte den „Keruoac 2.0“. Der Blogosphäre abgelauschte Angliszismen, ein bisschen Photoshop-Prosa hier und ein paar Popzitate da, sollten wohl Aktualität suggerieren. Aber nichts ist so alt, wie die die Zeitgeistigkeit von gestern.

Und: Einen Text mit: „Deleuze und Guatarri sagen“ zu beginnen, mag zwar Ende der Achtziger Jahre noch die Teilnehmer des Poststrukturalismus-Oberseminars in höchster Erregung zum Griff an den Hosenschlitz animiert haben – prätentiös war es schon damals und ist es heute erst recht.

Immerhin, die Perfomance hatte Rythmus und zur nächsten Vernissage von Multimedia-Objekten wird die ein oder andere Provinz-Galerie den Autor sicher buchen.

Die Jury:

Wobei Albrechts Lesung (oder die Lesungen im Allgemeinen) mitnichten den performativen Höhepunkt der Veranstaltung bildete. Das waren selbstredend die Diskussionen der Jury. Die neun Damen und Herren illustrieren auf Schönste die verbreitetsten Klischees über Literaturkritiker und -wissenschaftler (was die meisten von Haus aus sind).

Da prallen nach Herzenslust grundsätzlich verschiedene Vorstellungen von Literatur aufeinander, da werden Bildung und eingebildetes Sensorium für den Zeitgeist ausgestellt, dass es eine wahre Freude ist. Die Frage nach dem besten Text ist letztlich ja auch unwichtig, wenn gleichzeitig die Frage nach dem Alpha-Tier der eigenen Zunft geklärt werden kann.

Aber bei all der ausgestellten Besserwisserei – „ich kenn‘ ein literarisches Subgenre mehr als Sie“ – bleibt bestimmt auch was beim Zuschauer hängen. Der Bachmannpreis fördert somit nicht nur die Literatur sondern dient auch auf‘s Schönste dem öffentlichen-rechtlichen Bildungsauftrag. (Wobei ich gar nicht weiß, ob der auch für‘s ORF gilt.)

Erst recht, wenn Ernst Corino (vom Hessischen Rundfunk) Jochen Schmidt auch noch die Kommunikationsverzögerungen im Weltraum auf die Lichtsekunde genau vorrechnet.

Das ist es, was „Klagenfurt“ ausmacht: Diese unvergleichliche Mischung aus großen und schlechten Texten, aus „in der Mikrostruktur ganz fein gearbeiteten“ Sprachgebilden und solchen, die „fast eine Art Zartheit aufweisen“. Aus grenzenloser Begeisterung und ganz kleinem Karo.

Ich freue mich schon auf‘s nächste Jahr.